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Maugrims Reise nach Valkenstein

Die Fahrt über den Weltensee gestaltete sich als schwierig. Das Wetter selbst schien sich gegen die beiden Reisenden verschworen zu haben. Dicke Schneeflocken nahmen ihnen die Sicht und die Wellen, die am Bug des Kriegsschiffs emporschlugen, brachten eisige Kälte. Heyner jedoch schien sich darum nicht zu kümmern. Entweder kannte er dieses Wetter nur zu gut oder er vertraute den Baukünsten der Valkensteiner Ingenieure absolut. Vielleicht auch ein wenig von beidem.

 

Nach zwei Tagen legte sich ein dichter, feuchter Nebel wie Watte um das Schiff. Einige Stunden konnten die Reisenden nichts anderes tun, als sich in die Mannschaftsquartiere im Rumpf des Schiffes zurückzuziehen. Dann endlich durchbrach der eisenverstärkte Bug der „Graf von Celestia“ die dichte Nebelwand. Die Nacht war hereingebrochen und das ganze Firmament erstrahlte im Sternenlicht.

 

Erneut vergingen zwei Tage, als Heyner Maugrim gegen Morgen unsanft weckte. Er deutete ihm an schnell seine Koje zu verlassen und ihm nach draußen zu folgen. Auf dem Oberdeck angelangt sah Maugrim schnell, warum der sonst so zurückhaltende Heyner plötzlich eine gewisse Aufregung zeigte. Backbord der Valkensteinschen Fregatte zog ein gewaltiges Gebirge vorbei, dessen steinerne Gipfel vollständig von Eis und Schnee bedeckt waren. Die Ausläufer des Gebirges zogen sich bis hinab zum Meer und bildeten große, gefährliche Klippen, an denen noch die Gerippe vieler Schiffe hingen, deren Besatzungen unachtsam genug waren, sich mit ihnen messen zu wollen.

 

Während Maugrim noch die Schiffsskelette betrachtete, deutete Heyner auch schon auf einen bestimmten Punkt innerhalb des Gebirges. Zuerst erkannte Maugrim nur einige erleuchtete Punkte innerhalb der Felsen, die aussahen, als hätte dort jemand Fackeln entzündet, doch bei genauerem Hinsehen konnte er die dicken Steinwälle erkennen, die vier mächtigen Türme, samt der großen schwarz-weißen Standarten und den alles überragenden Bergfried.

 

Die Zinnen schienen bemannt zu sein, doch auf diese Entfernung konnte er nur flüchtige Bewegungen erhaschen. Gerade als Heyner zu sprechen beginnen wollte, ertönte das tiefe, grollende Kriegshorn der Fregatte und schon kurz darauf wurde selbiges von der Festung erwidert.

 

Als der Ton langsam abebbte erklärte Heyner: „Das ist die Feste Thorrostand! Sie ist unser südlichstes Bollwerk und kontrolliert einen der wichtigsten Seewege, auf dem auch wir uns gerade befinden. Der Ton den du eben gehört hast war der Gruß des Heimkehrenden! Wann immer ein Valkensteiner Kriegsschiff die heimischen Gewässer erreicht oder verlässt hat es Thorrostand seine Aufwartung zu machen! Nun, Maugrim, du kannst dich glücklich schätzen. Wir sollten bei Einbruch der Nacht Freyhaven erreichen. Von dort aus geht es dann den Steyk hinauf ins Landesinnere.“ Heyner wandt sich ab und begann damit seine Sachen zu packen.

 

Gegen Abend erreichten sie wie vereinbart Freyhaven, eine der zwei großen Handelsstädte Valkensteins. Jenseits der Ausläufer des Steyk konnte Maugrim eine zweite Stadt erkennen, die in ihrem Schmutz und Trubel beinahe identisch mit Freyhaven zu sein schien. Heyner erklärte ihm, dass es sich hierbei um Tybalt handelte.

 

Nach einigen Aufenthalten in verschiedenen Spelunken und einer kleinen Schlägerei im Hafenviertel, wandten sich die beiden Reisenden wieder dem militärischen Teil des Hafens zu. Dort wurden sie nach einigen Kontrollen an den Kapitän der „Wulfkjors Hatz“ verwiesen, einem schlanken, aber schwer gepanzerten Sturmschiff, welches sie weiter nach Weißenthurm bringen sollte. Auch dieses Mal schienen Heyners Stellung als Sturmgrenadier und die Papiere die Robert ihnen mitgegeben hatte Wunder zu wirken.

 

Mit den ersten Sonnenstrahlen erschien ein in feinste Stoffe und mit goldenem Schmuck behangener Mann auf dem Schiff. Auf Maugrims Frage hin erläuterte Heyner, dass es sich hierbei um einen der Navigatoren handelte, die die verschlungenen Wege durch das Labyrinth von Pythorra kannten. Als er Maugrims fragendes Gesicht bemerkte, deutete Heyner jenseits des Schiffes auf das große Gebirge nordwestlich von ihnen. „Genau da werden wir durch müssen! Aber eben via Schiff. Der Steyk hat sich über die Jahre verschiedene Wege durch das Gebirge gefressen. Und Leute wie der da oben beim Kapitän kennen die sicheren Routen. Ich denke, wenn wir gleich ablegen sollten wir in eineinhalb Tagen in Weißenthurm sein.“

 

Heyner sollte Recht behalten. Nachdem sie das unterirdische Gebirge, das die Valkensteiner das Labyrinth von Pythorra nennen durchquert haben, geht es zügig weiter nach Norden. Hierbei passieren sie eine weitere trutzige Festung namens Steyktor.  Jenseits des Gebirges scheint das Land durchaus fruchtbar zu sein. Wenngleich die Temperaturen zumeist kaum über den Gefrierpunkt klettern. Die Reisenden passieren schließlich ein weiteres, kleineres Gebirge, das als die Reißzähne bekannt ist um dann der Gabelung des Steyk weiter Westen zu segeln. Nördlich von ihnen erstrecken sich die großen Steineichenwälder, südlich die karge Ebene.

 

Dann endlich erheben sich vor dem Bug des Sturmschiffs die majestätischen Türme und Paläste Weißenthurms, der Hauptstadt des Großherzogtums. Schon bald fährt das Schiff in den Hafen ein und nur wenig später wandern Heyner und Maugrim durch die belebten Straßen der großen Stadt.

 

Der Eindruck ist überwältigend und selbst Heyner kann seine Freude kaum verbergen. Die Neustadt mag noch Ähnlichkeiten zu anderen großen Städten aufweisen, aber die Altstadt ist wahrhaftig beeindruckend, besteht sie doch beinahe vollständig aus großen, weißen Türmen und Palästen deren teils vergoldete Dächer im spärlichen Sonnenlicht glänzen. Hier und da deutet Heyner auf einige Gebäude, sei es die Akademie zu Weißenthurm, den Inquisitionsgerichtshof, den Palast des Großherzogs und schließlich auch auf den Tempel des Tormentor!

 

Drei Tage vergehen, bis Maugrim schließlich zu den Priestern vorgelassen wurde. Bis dahin wurde ihm eine spartanische Kammer zugewiesen, wie sie die Novizen der Priesterschaft bewohnen. Die Wartezeit zehrte an ihm, aber sie gab ihm auch Gelegenheit sich das Innere des Tempels anzusehen. Der Tempel selbst wirkte wie ein riesiges Langhaus, das vollständig aus Granitfarbenem Stein errichtet worden war. In der dreistöckigen Haupthalle hätte man eine ganze Werft unterbringen können. Die hölzernen Bänke boten Platz für mehr als dreihundert Leute und waren vor allem bei den täglichen Abendmessen gut gefüllt. Von der hohen Decke des Hauptschiffs hingen einige Dutzend Kampfzeichneter Standarten die den fortwährenden Krieg der Valkensteiner über Jahrhunderte hinweg dokumentierten.

 

Offenbar hatte Maugrim die richtige Zeit ausgewählt um den Tempel zu besuchen, bekam er doch die Gelegenheit einer der seltenen Bannerweihen mitzuerleben, die hier abgehalten wurden. Hierbei marschierte eine große Truppe Valkensteiner Soldaten unter dem Kommando einer hageren, hoch gewachsenen Gestalt im glänzenden Panzer während einer der Messen durch das Hauptschiff auf die am Altarstein wartende Priesterschaft zu. Nach einigen förmlichen Ansprachen enthüllten zwei der Soldaten schließlich ein blutiges, von der Schlacht gezeichnetes Banner, das den Valkensteiner Wolf, mehrere Balkenkreuze und zwei gekreuzte Schwerter zeigte. Auf der rechten Seite des Banners standen in silbernen Lettern die Namen von fünf Regimentern:

 

III. Reg.-ValReGa / IV. Reg.-ValReGa / VIII. PioReg.-ValReGa / II. StGreReg.-ValReGa / XI. JuCo.-ValReGa

 

Nachdem dann in einer feierlichen Zeremonie das Banner gehisst wurde, trat schließlich ein anderer Soldat vor, der ein neues Banner in seinen Armen hielt. Als dieses enthüllt wurde, konnte Maugrim erkennen, dass seinem Vorgänger sehr ähnelte, nur dass dieses zusätzlich einen Pegasus und zwei gelb/blaue Balken trug. –

 

Am Tag nach der Bannerweihe war es dann endlich soweit. Maugrim wurde von zwei verhüllten Novizen hinab geführt in den Gewölbeartigen Keller des Tempels. Schon bald hatte er in der beinahe vollständigen Dunkelheit die Orientierung verloren, so dass ihm nur das spärliche Licht der Fackeln, die die beiden Novizen trugen den Weg wies. Schließlich erreichten sie eine schwere, eiserne Türe hinter der sich jedoch nur Dunkelheit verbarg. Die Novizen blieben neben der Türe stehen und wiesen Maugrim an hineinzugehen. Hinter ihm wurde die Türe verschlossen.

 

Zeit verging. Maugrim konnte nicht sagen, wie lange er schon in dieser Finsternis stand und lauschte. Vielleicht war er erst seit einigen Minuten hier drin. Vielleicht auch schon seit Stunden. Langsam aber sicher begann er zu zweifeln und fragte sich, was das hier sollte. Hatte man ihn nach Valkenstein verschleppt um ihn hier in einem Kellerloch verschimmeln zu lassen? Das konnte nicht sein.

 

Dann hörte er eine tiefe, grollende Stimme, die von allen Seiten zu kommen schien:

„Maugrim Wolfsfang! Du bist vor die Priesterschaft Tormentors getreten! Das Wesen des großen Kriegsherrn brennt heiß in dir! Doch dein Pfad mag dich in die Irre geführt haben! Maugrim Wolfsfang! Was ist dein Begehr?!“

 

Maugrim wartete einen kurzen Moment bevor er antwortete: „Meinen Begehr wollt ihr erfahren? So soll es sein. Ich bin den langen Weg aus den Frostlanden bis schließlich hierher gereist. Mit der Flamme des Glaubens durch Morkai, den Todeswolf und dem Interesse an fernen Ländern. Nachdem ich von Tormentor hörte spürte ich innerlich wie der Glaube an die Götter wuchs, so wie es anscheinend auch einen Zusammenhang zwischen ihnen und mir geben muss. Eine Ehrenmedaille Tormentors reagierte in Engonien auf meine Anwesenheit und aufgrund dessen und der Bitte Sir Roberts stehe ich nun hier um geprüft zu werden. Mögen die Götter mir den richtigen Weg weisen.“

 

Eine andere Stimme antwortete Maugrim: „Maugrim Wolfsfang! Du hast einen langen Weg hinter dich gebracht! Du beweist Mut indem Du hier vor uns trittst! Viele vor dir haben schon diesen Weg beschritten und sind gescheitert! Wenn du hier versagst, so wird nicht einmal ehrenwerte Sir Robert dich zu retten vermögen! Bist du bereit dich der Prüfung zu stellen?“ „Mit meinem Leib, meiner Seele und meinem Glauben! Ja das bin ich!“

 

Und wieder wechselte die Stimme, dieses Mal schien sie etwas höher zu sein, als käme sie aus einer weiblichen Kehle: „Dann soll es so sein! Maugrim Wolfsfang! Nimm deine Klinge! Vergieße dein Herzblut! Und wir werden sehen ob Tormentor dir die Gnade seiner Gunst gewährt!“

 

Maugrim legte seine Hand um den Waffenschaft und zog sie aus der Halterung. Er holte tief Luft und setzt die Klinge an seiner Brust an auf Höhe seines Herzens. „Diese Blut wird im Namen Tormentors vergossen! Dieses Blut soll einen Beweis des Glaubens geben der in mir brennt! Dieses Blut soll beweisen ob ich der Gunst Tormentors in seinen Augen würdig bin! Für Tormentor!“ Mit diesen Worten rammte Maugrim sich die Klinge ins Herz. Ein großer Schmerz durchfuhr ihn, er sank auf die Knie und um ihn herum wurde alles noch dunkler…

 

In der Dunkelheit die ihn umfing konnte Maugrim nach und nach Gestalten erkennen. Riesige Wölfe, die um ihm herum schlichen, bereit ihn bei der kleinsten Bewegung zu zerfetzen. Dann vernahm er ein Grollen, ein tiefes, kerniges Grollen, das ihm durch Mark und Bein fuhr. Vor ihm baute sich der größte Wolf auf, den er je gesehen hatte. Sein schwarzes Fell glänzte von frischem Blut und sein starrender Blick war auf Maugrim geheftet. Es sah aus, als wäre sein Pfad nun am Ende. Doch dann wand der Wolf sich ab und jenseits seines mächtigen Körpers sah Maugrim einen großen, steinernen Thron! Auf dem Thron saß eine gerüstete Gestalt, die ihn aus alten, weisen Augen anblickte. Lediglich ein kurzes Nicken gab die Gestalt von sich, bevor sie ihren Arm hob und Maugrim anzeigte zu gehen. Dunkelheit umfing ihn erneut, Kälte stieg in ihm auf, die kurz darauf von brennender Hitze ersetzt wurde. Dann schlug er die Augen auf. Wieder war er in völliger Dunkelheit gefangen, doch dieses Mal kam sie ihm merkwürdig vertraut vor. Auf dem Boden liegend ertastete er seine Waffe, die vor ihm lag und erhob sich mühsam.

 

Mit einem Mal entzündeten sich einige Dutzend Fackeln um ihn herum und Maugrim musste blinzeln um sich an das plötzliche Licht zu gewöhnen. Der Raum glich einem steinernen Verlies, doch waren sowohl der Boden wie auch die Wände mit sakralen Texten und Glaubensbekenntnissen bedeckt. In der Mitte des Raumes war ein großer Wolfskopf in den Boden eingelassen worden. Um ihn herum standen acht Personen, sechs Männer und zwei Frauen in reich verzierten Rüstungen. Jeder von ihnen ein Krieger, jeder von ihnen ein geachteter Priester. Männer und Frauen des Krieges und des Wortes zugleich. Sie alle sahen ihn aus harten, vernarbten Gesichtern an, während ihre Hände auf den Knäufen ihrer Waffen ruhten. Erneut schien die Zeit zu verstreichen, als schließlich einer von ihnen das Wort ergriff: „Maugrim Wolfsfang! Du hast gut gesprochen! Deine Worte sind ehrlich, dein Arm ist stark! Auch wenn Du in der Vergangenheit vom rechten Namen abgewichen bist, so bist du doch dem Pfad des Großen Kriegsherrn gefolgt! Von heute an, sollst Du ein Novize sein, der auf dem Pfad Tormentors wandelt! Von heute an sollst Du die Farben des Reiches tragen! Entferne dich nun aus diesen Hallen! In deiner Kammer wirst Du finden was Du begehrst! Doch wisse, solltest Du jemals Schande über dich oder den Großen Kriegsherren bringen, wirst du dich weder in dieser noch in der nächsten Welt verstecken können! Denn wie Tormentor auch der Herr des Krieges ist, ist er auch der Herr der Rache! Ehre sei dem Einen! Ehre sei dem Kriegsherren! Tormentor!“

 

Die Tür hinter Maugrim öffnete sich langsam und die Novizen, die nun nicht mehr verhüllt waren, traten in den Raum um ihn nach draußen zu führen. Als er schließlich seine Kammer erreichte fand er dort das was er ersehnt hatte. Einen schwarz-weißen Wappenrock mit den Insignien des Großherzogtums und ein in Leder gebundenes Buch, dass die Grundzüge der Lehren Tormentors enthielt.

 

Maugrim hatte einen langen Weg hinter sich gebracht, doch ein noch längerer lag noch vor ihm. Einige Tage später fand er sich wieder auf einem der Valkensteiner Schiffe ein, das ihn gen Süden bringen würde. Robert würde Augen machen…